Sonderbericht - Exkursionen

 
 
Exkursionen in der Unterwelt
 
Zurück zum Teil 2
S-Bahnhof Potsdamer Platz
 
Teil 3 - Hängebunker unter der Stresemannstr.
und der Straßentunnel im Tiergarten (Germania-Planung)
 

Nach dem Informationsaustausch im "Cafe Stresemann", sowie einer kleinen Stärkung in fester und flüssiger Form, ging die Exkursion weiter. Eigentlich wieder zurück, denn den Zugang zu dem folgenden Objekt hatten wir schon, ohne es zu Wissen, auf dem Weg zur Pause überschritten.

Der Streckentunnel des S-Bahn liegt in dem Abschnitt zwischen S-Bf. Potsdamer Platz und S-Bf. Anhalter Bahnhof 10 m tiefer als eigentlich nötig gewesen wäre. Hier, in der damaligen Saarlandstr. (heute Stresemannstr.) wollte man nach Plänen der BVG aus dem Jahr 1929 ein U-Bahntunnel der Linie F von Moabit nach Neukölln entlang führen. Diese Linie sollte zwischen Anhalter Bahnhof und Brandenburger Tor parallel zur S-Bahn verlaufen. Bis zum Potsdamer Platz hätte der U-Bahntunnel oberhalb des S-Bahntunnels gelegen. Ab Potsdamer Platz wäre er auf der westlichen Seite in gleicher Ebene dem S-Bahntunnel bis zum Brandenburger Tor gefolgt. Doch die Germania-Planungen von 1938 die im Nordbereich des S-Bf. Anhalter Bahnhof einen Abzweig einer weiteren S-Bahnstrecke Richtung Görlitzer Bahnhof vorsahen, verbauten die Möglichkeit der U-Bahnführung oberhalb des Tunnels. Die ebenfalls außergewöhnliche Breite des S-Bahntunnels in diesem Abschnitt resultiert aus der Planung die Strecken aus Norden zur Wannseebahn sowie zur Anhalter-/Dresdener Bahn schon vor dem S-Bf. Anhalter Bahnhof zu trennen. Außerdem sollte hier noch ein Kehrgleis errichtet werden.

Nachdem die U-Bahnplanung aufgegeben war, kam man nach 1938 auf die Idee, das der "gewonnenen" Hohlraum über der S-Bahntrasse als Schutzraum verwendet werden könnte. So wurde hier unter größter Geheimhaltung in der 8 m hohen Überdeckung ein Luftschutzraum als "Hängebunker" eingebaut. Der Raum mit den ,20 m dicken Betonwänden hat eine Ausdehnung von 70 x 13 m. Er erhielt einen direkten Zugang vom Europahaus, wo zu damaliger Zeit das Reichsarbeitsministerium untergebracht war. Weitere vier Zugänge von den Gehwegen der damaligen Saarlandstr. kamen während des Krieges hinzu. Vom S-Bahnhof Anhalter Bahnhof gab es keinen direkten Zugang. Es gab es nur einen Notausgang in den S-Bahntunnel, für den Fall das die normalen Zugänge verschüttet worden wären. Weitere zwei Ebenen unter der eigentlichen Bunkeranlage wurden während des Krieges ebenfalls zu Luftschutzzwecken benutzt. Hier teilte man den Raum mit Ziegelsteinen in einzelne kleine Kammern.

 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Der nordöstliche Zugang zum Schutzraum
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Der abgeschlossene Zugang ...
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
... wird für uns geöffnet ...
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
... und gesichert (Lage direkt auf Radweg)
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Die Anlage lag nach dem Krieg brach und wurde erst nach Übernahme der S-Bahn durch die BVG wiederentdeckt. 1987/1988 wurde die obere Etage wieder als Schutzraum (kein ABC-Bunker) in Betrieb genommen und noch heute bereit gehalten, wie auch zahlreiche andere Schutzanlagen in Berlin.
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
 Ca. 500 Personen würden in dieser Anlage, die keinen direkten Treffer überstehen würde, Platz finden. Im Gegensatz zu den Zivilschutzanlagen wie Siemensdamm oder Pankstrasse die für einen Aufenthalt von 14 Tagen vorgesehen sind,  ist diese Anlage nicht für mehrere Tage ausgerichtet. Sie bietet nur Schutz vor umherfliegenden Sprengteilen, Granatsplitter oder Druckwellen. 
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Von der mittleren Ebene, heutzutage nicht mehr als Schutzraum genutzt, gelangt man über den Notausstieg in den S-Bahntunnel. Hier blickt man entlang des Gleistrog für das geplante Kehrgleis Richtung S-Bahnhof Potsdamer Platz.
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Während die Gruppe die Anlage erforschte, war der Zugang mit einem Türchen versperrt, um neugierige Passanten den Einstieg zu verwehren.
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
 
Besichtigung beendet, mit einem erfreuten Blick gelangt man wieder ans Tageslicht.
 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
 
Zurück zum Seminar "Verkehrstechnik Berlin"
 
Zu Fuß ging es zurück über Leipziger und Potsdamer Platz zum Tiergarten
 

Hier, gegenüber des sowjetischen Ehrenmal, wollten wir uns eine Vorleistung aus der "Germania-Planung" anschauen.

 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
 

Die Pläne im "Dritten Reich" zur Umgestaltung Berlins zur Reichshauptstadt "Germania" bedeuteten nicht nur den Neubau von Prestigebauten, sondern tlw. auch wesentliche Umbauten und Neubauten von Verkehrsanlagen. Das Straßennetz sollte zwei sogenannte "Prachtstraßen" bekommen. Sie sollten von Ost nach West, sowie von Nord nach Süd verlaufen. Der Kreuzungspunkt hätte sich südlich der geplanten großen "Halle des Volkes" befunden. Das entspricht ungefähr der Stelle wo heute die Straße des 17.Juli am sowjetischen Ehrenmal vorbeiführt. Eine Kreuzung der einzelnen Verkehrsströme sollte dabei vermieden werden. So plante man zweistöckige unterirdische Fahrspuren die kreuzungsfrei von Achse zu Achse führen sollten. Es waren dafür 9 Rampen vorgesehen, die in 8 m bzw. 14 m Tiefe liegen sollten.

 
 
 

Im Zusammenhang mit den Bauarbeiten zur Errichtung des ersten Abschnitt der Ost-West-Achse wurde am 01.08.1938 mit dem Bau der unterirdischen Kreuzungsanlage begonnen. Die Fertigstellung des Achsenkreuzes sollte im Jahr 1941 sein. In diesem Zuge wurde in den Jahren 1938/39 auch die Siegessäule auf ihren heutigen Standort versetzt. So begann man mit dem Bau von zwei parallel laufenden Tunnelsegmenten im Bereich unterhalb der heutigen Straße des 17. Juli in 8 m Tiefe. In diesem Zusammenhang errichtete man gleich direkt neben dem östlichen Tunnelsegment in einer Tiefe von 16 m ein U-Bahn Tunnelsegment von ca. 200m Länge und 6,80 m Breite für eine ebenfalls in der "Germania-Planung" vorgesehenen U-Bahnstrecke mit der Bezeichnung G die im Norden bei Lübars beginnen und im Süden in Marienfelde enden sollte.

Der Krieg verhinderte weitere Bauten an den gigantischen Verkehrsprojekten. Die Tunnelsegmente wurden nach dem Krieg an den Enden verschlossen. Erst in den 60er Jahren wurden die Tunnelreste, tlw. voll Wasser gelaufen, wiederentdeckt. So liegen die Tunnelsegmente, inzwischen leergepumpt und tlw. saniert, noch heute vom größten Teil der Bevölkerung vergessen, unterhalb der Straße des 17.Juni. 

Zum Thema zwei Links zu Webseiten der Berliner-Unterwelten
Achsenkreuz unter dem Tiergarten und Beleuchtung der Straßentunnel

Einen der beiden Straßentunnel  wollten wir uns nun anschauen. Die "Anführer" wählten für uns den östlichen Tunnel aus. Inzwischen war die Gruppe schon etwas kleiner geworden. Einige Teilnehmer scheuten den längeren Fußweg durch den Tiergarten. Den Einstieg in den Untergrund wagten allerdings nicht alle "Übriggebliebenen". Durch einen engen Einstieg, fast wie ein Kanalisationseinstieg, ging es über Steigeisen in die Tiefe. Dort unten kam man in einem kleinen, etwas matschigem Nebenraum des Straßentunnel an. Von hier ging es über eine Stufe hinab in in den gänzlich dunklen Straßentunnel. Bis auf das nördliche, etwas tiefer liegende Ende war der Tunnel trocken. Im Taschenlampenlicht erkundeten wir den weit über 60 Jahre alten Tunnel. Fotografieren war wegen der Dunkelheit nicht möglich. Ein Bild findet man auf den Seiten der "Berliner-Unterwelten" (s.o. unter Beleuchtung der Straßentunnel).

 
Fotos und Copyright: Detlef Hoge
Einstieg in den östlichen Straßentunnel über den einzigen vorhandenen Zugang, fast versteckt im Tiergarten
 
Nach diesen letzten Einblick in die Unterwelt, löste sich die Gruppe auf. Diese spontan organisierte Exkursion wird mir lange in Erinnerung bleiben. Es hat mich dazu gebracht, auch durch weitere Infos von Markus, mich noch etwas mehr mit den Verkehrsplanungen des "Dritten Reich" zu beschäftigen.

 

Quellen:

Ein besonderer Dank an Markus Jurziczek
für seine Anmerkungen, Ergänzungen und Grafiken

desweiteren folgende Literatur

Die Berliner Nord-Süd-S-Bahn, Michael Braun, Verlag Kenning, 1997
Nord-Süd-Bahn, Dietmar Arnold - Udo Dittfurth - Karen Meyer, Verlag GVE, 1999
Eisenbahn-Grössenwahn in Berlin, Bernd Kuhlmann, Verlag GVE, 1996

Weitere Links mit genaueren Informationen zum Thema:

www.stadtschnellbahn-berlin.de mit einer Seite zur Germania S-Bahnplanung
Nationalsozialistische Planungen in Berlin  Berlin von A-Z - Luisenstädtischer Bildungsverein
Zivilschutz-Online Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Zivilschutz in Berlin öffentliche Schutzbauten in Berlin

Ein Luftbildplan von 1943 auf dem das Projekt der Nord-Süd-Achse projiziert wird
gibt es hier käuflich zu erwerben

und nicht zu vergessen der Verein

mit dem Germania-Seminar

und dem Verkehrs-Seminar

 

nach oben


Diese Seite ist ein Teil der Homepage www.bsisb.de

Impressum

      
Kostenloser Counter und Statistik von PrimaWebtools.de

letzte Änderung an dieser Homepage:

Mittwoch, 16 Mai 2018 - 11:15